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Archive for Februar 2015

Die Welt bleibt nicht stehen, aber …

2015/02/27 3 Kommentare

… manchmal wünschte ich, dass ein wenig mehr Besonnenheit herrschte.

Seit meinem letzten Eintrag ist sehr viel Zeit vergangen. Ich ertappte mich selbst, dass ich meinem Bruder, der eben Grüsse aus dem Skiurlaub schickte, blauer Himmel, weisse Pisten, alles richtig schön, vorgestern antwortete- und nichts dabei fand offenbar-

 

2015-02-25 email

 

 

So weit bin ich schon. Ich plane für die Zeit nach dem Krieg.
Irre, oder?

Das vergangene Jahr war so unglaublich politisiert, so unter Hochspannung, wie ich schlimmstenfalls die Jahre 82- 84 in Erinnerung habe. Das waren jene Jahre der Doppel- und Gegenbeschlüsse. Das ist 30 Jahre her. Die Zeit zwischen September 1989 und September 1990 war eine ähnlich aufregende Zeit, alles ändernd. Auch 25 Jahr her.

Seit meinem letzten Eintrag im November bin ich geflogen und gefahren nach Shanghai, Zürich, St. Petersburg, Berlin, Dresden, Kühlungsborn, Ashgabat, Suzdal, Ahmedabad, Dubai, immer mit diversen Zwischenstationen, und natürlich meinem Heimathafen in Moskau.

Die Arbeit hat sich verändert, reine Importausrüstungen sind kaum noch verkaufbar. Der deutsche Maschinenbau wird darunter leiden. Autohersteller verkünden eben, dass sie für einen Monat in Russland schliessen. Andere rechnen damit, dass sie für wohl 2 Jahre mit Verlust verkaufen werden, nur um Marktanteile zu halten.

X- Male musste ich die Fragen beantworten, wie ich den Konflikt zwischen Russland und der westlichen Welt sähe.

Dank der gegenseitigen Sanktionen und Beschränkungen erlebte ich einen Währungsabsturz, der nur zu vergleichen war mit jener Situation im Frühjahr 1990, auch schon wieder 25 Jahre her. Damals wurden irre Käufe und Geschäftchen getätigt, um DDR- Mark loszuwerden oder zu kaufen, um erste Pfosten zu rammen in den Osten der künftig grösseren Bundesrepublik. Vereinigungsbedingte Kriminalität hiess manches davon später, die Verschleuderung von Produktionsanlagen und Immobilien grossen Maßstabs gar nicht mit eingerechnet.

Als die Moskauer Wechselstuben im Dezember 2014 begannen, neue Leuchtschilder zu montieren, da die bisherigen nur für zweistellige Kurse ausreichten, wurde die Dimension klar. Man rechne sich das einfach mal aus. Im Mai lag der Kurs noch bei rund 43 RUB pro EUR, im Dezember erreichte er mal um 100, heute hat er sich bei rund 72 eingependelt. Ein Nachbar in meinem Wohnhaus fuhr mit 3 grossen Fernsehkisten nach oben, dahin, wo nur 1- und 2- Raumwohnungen sind. Man wisse ja nicht, was noch komme, da habe er lieber einen Fernseher mehr gekauft, war seine Antwort auf meine Frage.

Es gibt beinahe nichts, das in der heutigen arbeitsteiligen Welt autark hergestellt werden könnte. Selbst die russische Milch muss von einer Kuh kommen, die irgendwelche Medizin braucht oder wenigstens Futterergänzungsmittel. Verpackt wird diese Milch auf Anlagen, die importiert sind, in Tetrapak. Jedes Ersatzteil, jede Wartung kostet hartes Geld. Geld, das mit einem höheren Kurs sofort auf den Ladenpreis durchwirkt. Künstlich wird nun versucht, diese gesetzmässig anstehende Inflation zu begrenzen. Es gelingt noch zum grössten Teil. Die Preise in Cafes und Gaststätten sind nahezu unverändet, Grundnahrungsmittel sind annähernd gleich geblieben. Einiges ist einfach nicht mehr zu kaufen, Käse zum Beispiel. Märkte mit hohem Importanteil haben einfach keine Käufer mehr. Unser Einkauf in der Metro am vergangenen Wochenende war gefühlte 50% teurer als früher.

Mir scheint, dass die halbe Welt meint, Russland erziehen zu müssen. Sicher, wir alle können viel voneinander lernen. Aber ich habe hier in Moskau noch nicht gehört, dass den Juden, die am Morgen auf meinem Arbeitsweg die Strasse kreuzen, mit Kippa oder Hut, den weissen Hüftschal zeigend, empfohlen wurde, von dieser Öffentlichkeit abzusehen. Das gibt´s in Deutschland:

Der Präsident des Zentralrats der Juden warnt vor dem Tragen der traditionellen jüdischen Kopfbedeckung in „Problemvierteln“

HIER nachzulesen

Naja, es ist auch leichter, über Russland zu reden, Waffenlieferungen zu planen, Ausbilder zu schicken, Augen zu schliessen vor ukrainischen Freiwilligen- Bataillons, Paraden mit US- Beteiligung wenige Meter vor der russischen Grenze durchzuführen als sich um seinen Dreck daheim zu kümmern. Vielleicht kommen ja auch bald eine Betroffenheitsdiskussion und ein paar Lichterketten und ein paar Worte des Bundespräsidenten, um der Öffentlichkeit zu genügen.

Es gibt übrigens noch Anderes im Leben:

zum Beispiel ein Wintertag in Suzdal

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IMGP4501-1oder eine indische Kuh, durch die Stadt spazierend

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