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Archive for April 2014

Kiew

Schon komisch. Die Ansage, dass ich nach Kiew auf Geschäftsreise fahre, hätte nur noch schlechtere Reaktionen hervorgerufen, wenn ich Syrien oder Afghanistan mitgeteilt hätte. Also liess ich es sein, meine Mutter anzurufen, bevor ich flog, um sie nicht unnötig zu beunruhigen.

Kiew, Ukraine- heute ein Synonym für Gefahr und Unfrieden. Vor einem Jahr zwinkerten Mann und Frau noch bei diesem Ziel mit einem Auge, ob es mehr geschäftlich sei oder doch eher lustbetonte Abendveranstaltung, was da vor mir liege. Das letzte Halbjahr hat alles schlagartig verändert.

Am Donnerstag war ich noch in Kazan, Hauptstadt Tatarstans und damit in einer der am stärksten auf ihre nationale Eigenständigkeit bedachten Republiken der Russischen Föderation. Ich kenne die Stadt besser seit nunmehr 6 Jahren. Tataren sind mehrheitlich moslemisch und leben einvernehmlich und friedlich mit ihren russischen Nachbarn. Religiöse Konflikte gibt es nicht, trotz belegter massiver ausländischer Einflussnahme. Besonderes Geschick wird ihnen nachgesagt. 2013 gab es eine weithin unbeachtete Universiade, die Sportspiele der Studenten. Die bereit gestellten Staats- und Republikmittel wurden bestens eingesetzt, wenn ich als Aussenstehender urteilen darf: die Stadt erhielt beste Strassen, ganze Viertel wurden renoviert, der Fortschritt ist überall sichtbar. Es gibt eine Metro in der Hauptstadt. Beim Finden des eintausendjährigen Jubiläums im Jahr 2005 sei wohl auch ein wenig nachgeholfen worden, sagen die Nicht- Tataren mit einem Augenzwinkern.

20140424_081206-1… Hotelfensterblick, am Horizont Moschee und Orthodoxe Kirche auf dem Gelände des Kazaner Kremls

Nunmehr Kiew.
Ich gebe zu, dass ich Sorgen hatte beim Anflug auf Kiew. Wie sich zeigt, völlig ohne Grund.
Abfertigung perfekt, freundlich und ohne Formalitäten. Die bereit liegende Immigrationskarte müssen EU- Ausländer nicht ausfüllen, alles geht zügig. Eine lange Reihe offizieller Taxen steht vor dem Ausgang, die Fahrt in die Stadt ist mit rund 16 EUR nicht überteuert. Zu sehen sind Reklame und Ladenbezeichnungen in Russisch. Es herrscht dichtes Gedränge am Sonntagabend.  Die Strassen sind voller Autos, Familien mit Kindern spazieren, die Geschäfte locken mit Festbeleuchtung. Ist ja auch alles normal, oder?

Anders ist die Wahlwerbung. Ein wenig martialischer, ein paar mehr Uniformen. Mehr Fahnen an Autos, Balkons, Fassaden sind zu sehen.

Der Sonntagabend endet mit dem „Tatort“ im Hotel, der Montagmorgen beginnt mit Arbeit.

Mein Kollege berichtet mir von den 3 Tagen, an denen die Stadt still stand. Die Panik und Hysterie war so ausgeprägt, dass alle glaubten, Kiew würde eingenommen werden von den östlichen Nachbarn. Niemand ging mehr zur Arbeit, Autos blieben stehen, selbst die Metro fuhr nicht.  Was für ein Irsinn! Ich werde wieder nach meiner Meinung gefragt. Wir erinnerns uns der Situation 1982/83, als die allgemeine Hysterie um die beiderseitigen Rakenstationierungen Ost und West tief traf. Berichte, dass ich seit 1989 nie wieder so intensiv die Nachrichten verfolgt habe über längere Zeit, täglich mehrfach, stündlich nach Stichworten durchsuche. Gut, 9/11 war so ein Moment, an dem die Zeit still zu stehen schien. Ich war damals, 2001, vor einem Monat nach Ashgabat gegangen, Turkmenistan, Hauptstadt des nördlichen Nachbarn von Afghanistan. Wir sprechen über Betrug, über Manipulation von Massen, über die Wahrnehmung von aussen, über die Hoffnungen. Und wir sprechen über den Irrsinn, dass die Ukraine, ein recht armes, kompliziertes Land, zum Spielball wurde. Ich höre von schlaflosen Nächten, von Existenzängsten, von der Suche nach Alternativen zur Arbeit in Kiew.

Zum Mittag habe ich Zeit, noch ein paar Strassenfotos zu machen. Natürlich spricht man Russisch auf der Strasse, im Restaurant.

Dann geht es schon wieder zum Flughafen zurück. Auf dem schönen, modernen Airport gibt es WiFi kostenlos. Ich lese Ukraine: Krieg aus Versehen, die aktuelle Spiegel- Kolumne von Jakob Augstein. Genau das trifft es, was mich so sehr beunruhigt.
Das Flugzeug ist wieder randvoll besetzt. Wir reisen in Moskau ein wie immer, so, als ob nichts wäre. Wenn doch bloß nichts wäre …

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… Sonntagabend, SVO Airport 20140427_211738-1

… in Kiew, Fahrt über eine Dnepr- Brücke 20140428_143213-1

… Strassenleben am Montagmittag 20140428_143249-1

 

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Ashgabat und wieder nach Hause

Dienstag ist Flugtag, TXL FRA ASB. Nachts komme  ich an auf dem neuen, alten Flughafen, jetzt als Terminal 2 bezeichnet. Es war der alte Flughafen, der lange als Frachtflughafen genutzt wurde, dann saniert und kürzlich wieder eröffnet wurde. Ashgabat bekommt einen neuen Airport, der wohl 2017 fertig sein soll. Ob er schneller in Betrieb geht als BER?

Das Baugeschehen in Ashgabat ist ungebremst. Überall Kräne, weisser Marmor, Asphalt. Denkmäler werden versetzt. Dieses Mal schaute ich nur auf das Gerüst des Springbrunnens zum 11. Jahrestag der Unabhängigkeit, den früher 11 Pferde schmückten. 12 Jahre stand es, seit 2002. Die Geschichte des Brunnens begann schon nicht gut. Dem damaligen Präsidenten gefielen die Pferde zur Eröffnung nicht., weshalb erst die zweite Version für gut befunden wurde.

Mittwoch Kunden- und Bürotermin. Am Donnerstagmorgen fahren wir nach Kyzyl- Arwad, rund 240 km von Ashgabat. Ein Tag in der Sonne, auf der Strasse, auf der Baustelle. Gegen Acht sind wir zurück, ich werde erwartet. Um 11 müssen wir zum Flughafen.

Nachtflug zurück, am Freitag komme ich in Moskau kurz nach 12 Uhr mittags an. Noch immer in den gleichen Klamotten vom Donnerstagmorgen, fahre ich ins Büro. Ein paar Unterschriften müssen sein. Einem Kunden gegenüber muss ich mich entschuldigen für meinen staubigen Reiseaufzug. Aber ich bin da und kann die Unterschrift unter den Vertrag selbst setzen. In diesen „ukrainischen“ Tagen tut nichts so gut wie eine neue Bestellung …

Nach Hause, endlich, komme ich dann am Abend. Töchterchen X ist mit Freund aus Sachsen zu Besuch gekommen, Osterferien. Dusche. Wir sitzen am Abend zusammen, erzählen. Dann ist irgendwann Schluss und ich schlafe.

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… der Rest vom Springbrunnen, bald wird nichts mehr zu sehen sein 20140420_184933-1

… Ostern naht

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Ausgebremst

 

Nach der Yerevan- Reise gab es ein Wochenende in Düsseldorf, bei traumhaftem Wetter, zwei Tage in der Schweiz, drei Tage in Moskau, meist nur im Office, eine sagenhafte volle Arbeitswoche in Moskau, einschliesslich Fitness- Studio- bevor es am Freitag, 11. April, nach Berlin ging.

Freitagabend Ankunft Berlin, Auto abholen, nach Dresden fahren.
Samstag Bäcker, frische Brötchen zum Frühstück geniessen, Auto abliefern zum Räderwechsel, Töchterchen X vom Tag der offenen Tür der HTW abholen, Kleinigkeiten einkaufen, am Abend mit den Kubareisefreunden treffen
Sonntag in Omas Garten nach dem Rechten schauen, Spargel zum Mittag, danach mit dem Auto zur Ostsee, am Abend zuerst den Sonnenuntergang und dann die traumhafte Ruhe geniessen
Am Montag nach Berlin zurück zum Notar, am Abend bei Tony Roma´s Spare Ribs geniessen und im Ibis Budget am Potsdamer Platz nächtigen
Dienstag Auto abliefern und die Beste nach Moskau fliegen lassen, währenddessen ich über Frankfurt nach Ashgabat fliege

Das war der Plan.

Mein Auto ist ein Viano aus 2010 mit derzeit 93 tkm auf dem Tacho. Die Luftfeuchtigkeit während des langen Stehens bewirkt immer ein Geräusch auf der Bremsscheibe, was durch drei, vier Mal Bremsen beseitigt ist. Dieses Mal war es anders. An der Wendestelle über der Stadtautobahn roch ich Gummi, ein Rauchwölkchen schlich aus dem Vorder. Ich schlich rechts in die nächste Querstrasse. Das Dilemma war schnell gefunden: Die Feder vorn links war gebrochen, ungefähr 1 1/2 cm Gummi an der Innenseite meines fast neuen Winterreifens abgeschliffen.

ADAC schleppt ab, nach 2 Stunden wegen des schweren Autos. Das Hotel ist ein Messehotel und leigt auch so zweckmässig. Am nächsten Tag, Samstag, haben wir ungeplant auf einmal Zeit. Kaufen die Blumen in Berlin, finden eine russische Apotheke am Ku- Damm und merken, dass die Schuhe im Nike- Store in Berlin preiswerter sind als im gemeinhin als sagenhaft billig geltendem Dubai. Gegen 14 Uhr ist das Auto fertig repariert abgeholt und wir mit 600 EUR weniger auf dem Weg nach Sachsen.

Die Frage bleibt: Wie bricht eine Feder während des Stehens auf einem Parkplatz? Nicht zufällig habe ich mich für ein Auto dieses Herstellers entschieden. Ich wollte sicher sein, dass ich für die Berlin- Sachsen- Ostsee- Touren keine zusätzlichen technischen Probleme mit dem Auto haben muss. Billiger wäre ein 10 Jahre alter Kombi gewesen, aber nicht zuverlässiger. Das dachte ich bis zum Freitagabend.

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Hotelfensterblick

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… Kurfürstendamm